Ex-Kinderarzt wegen Missbrauchs seiner Enkelin in elf Fällen angeklagt

Von Willi Berg

Wegen sexueller Übergriffe auf seine vierjährige Enkelin muss sich ein früherer Kinderarzt und Psychotherapeut vor dem Heidelberger Landgericht verantworten. Der 84-Jährige soll das Mädchen mehrfach im Genitalbereich angefasst haben. Der Rentner habe bei dem Opfer "sexuelle Gefühle erwecken" wollen, so die Staatsanwältin. Die Taten sollen sich im Mai/Juni letztes Jahr im Haus und Garten des Angeklagten ereignet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm den sexuellen Missbrauch eines Kindes in elf Fällen vor.

"Ich stehe das erste Mal in meinem Leben vor Gericht", erklärte der rüstig wirkende Senior zum Prozessauftakt. Was er zu den Vorwürfen sagt, ist nicht bekannt. Die Kammer schloss auf Antrag von Verteidigerin Andrea Combé die Öffentlichkeit aus.

Ihr Mandant habe die Taten bereits früher eingeräumt, sagte die Anwältin. Die Mutter des mutmaßlich missbrauchten Kindes brach bei ihrer Aussage in Tränen aus. "Das ist schrecklich für mich, dass mein Vater so was gemacht hat", sagte die 23-Jährige. Sie sei Zeugin des laut Anklage letzten Übergriffs geworden, als sie und ihre Tochter bei ihm zu Besuch waren. Sie habe vom Balkon aus beobachtet, wie ihr Vater seine Enkelin "im Intimbereich gekrault" habe. Dieser habe versucht, sie davon abzuhalten, die Polizei zu rufen. Und das mit dem Argument, das Kind könnte dadurch Schaden nehmen.

Die Kleine habe sich seither verändert, sagte die 23-Jährige. Sie schlafe schlecht und mache ins Bett. Und sage Sätze wie: "Das, was Opa gemacht hat, ist schlimm." Oder: "Schneidet der Opa mir den Kopf ab?" Das Mädchen mache inzwischen eine Therapie.

Der Angeklagte war selber viele Jahre als Psychotherapeut tätig. Ab 1975 leitete er ein Heidelberger Institut, das Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche ausbildet. Insgesamt 60 Therapeuten seien es in seiner Zeit gewesen, berichtete er. Doch nach 18 Jahren war der Kinderarzt und Psychoanalytiker nicht mehr tragbar. Im Jahr 1993 sei er "entfernt" worden wegen einer außerehelichen Affäre mit einer Ex-Patientin, die ein Kind von ihm bekam.

"Es war nicht strafbar, aber anrüchig", so der Angeklagte. Als Psychoanalytiker habe er gegen das Abstinenzgebot verstoßen. Private Beziehungen auch zu ehemaligen Patienten sind demnach tabu. In der Folge habe er die "Feindseligkeiten nicht mehr aushalten können", die ihm am Institut entgegengebracht worden seien.

In den nächsten Jahren arbeitete er in eigener Praxis weit außerhalb von Heidelberg. Bis ihm 2013 im Alter von 81 Jahren die Approbation entzogen worden sei. Auf Betreiben seiner Tochter aus zweiter Ehe, deren Kind er missbraucht haben soll.

"Ich würde heute noch arbeiten, wenn ich könnte", sagte der sechsfache Vater. Inzwischen lebe er in Norddeutschland "sehr bescheiden" in einer kleinen Wohnung. Finanziell werde er von seiner ersten Frau und den gemeinsamen Kindern unterstützt. Folgt man seinen Angaben, dann bleiben ihm von seiner Rente lediglich 100 Euro übrig, unter anderem wegen der Unterhaltsansprüche seiner zweiten Noch-Ehefrau. Diese nutzte gestern ihre Aussage vor Gericht für eine hochemotionale Abrechnung mit dem 84-Jährigen.

Der Angeklagte wird von der renommierten Heidelberger Anwältin Andrea Combé verteidigt. Sie hatte auch den Wettermoderator Jörg Kachelmann in seinem Prozess vor dem Mannheimer Landgericht vertreten.

Info: Ein Urteil ist für Mittwoch, 29. März, geplant.

Ex-Kinderarzt wegen Missbrauchs verurteilt

Von Willi Berg

Das Heidelberger Landgericht hat einen 84-jährigen ehemaligen Kinderarzt zu einer Bewährungsstrafe von 18 Monaten verurteilt. Der Rentner hatte mehrfach seine vierjährige Enkelin sexuell missbraucht. Der Angeklagte, der früher auch als Psychotherapeut tätig war, habe in der Familie einen "Scherbenhaufen" angerichtet, sagte die Vorsitzende Richterin Daniela Kölsch.

Entdeckt wurde der Missbrauch Mitte Juni 2016. Damals sah die Tochter, wie ihr Vater seinem Enkelkind zwischen die Beine fasste. Die 23-jährige Mutter informierte die Polizei und stellte Strafanzeige. "Sie haben das einzig Richtige gemacht", sagte Kölsch.

Zunächst leugnete der Rentner, dann gab er in Vernehmungen zehn weitere Fälle zu. Schon zuvor habe seine Tochter ihm misstraut und ihn "gewarnt". Aufgrund der "eigenen Erfahrungen" habe sie Angst gehabt, er könne ihr Kind missbrauchen, sagte Kölsch. Welche Erfahrungen das waren, erwähnte sie nicht. Offenbar bezog sie sich auf Aussagen der Tochter im nicht öffentlichen Teil des Prozesses. Ihr Kind leidet seither unter Albträumen und nässt ein. Das Verhalten gegenüber älteren Männern habe sich verändert, berichtete die Mutter. Dass das Mädchen den Opa jemals vergessen kann, daran glaubt die Richterin nicht.

Der Angeklagte habe einen "besonderen Vertrauensbruch" begangen. Die Familie habe sich deshalb zu Recht von ihm abgewandt. Das Geständnis sei dem 84-Jährigen "hoch anzurechnen". Er habe damit "Verantwortung für seine Taten übernommen", sagte Kölsch.

Der Mediziner leitete viele Jahre ein Institut, das Psychotherapeuten für Kinder und Jugendliche ausbildet. Weil er dort nicht mehr tragbar war und weil er ein uneheliches Kind mit einer ehemaligen Patientin zeugte, musste er 1993 gehen. Angeblich soll es damals zu sexuellen Übergriffen auf mehrere Patienten gekommen sein. Dies behauptet der Anwalt Prof. Christian Laue, der in dem aktuellen Fall das Opfer vertrat. Damit nicht genug: Der Angeklagte habe zudem in den 90er Jahren drei Ausbildungskandidatinnen in einem anderen Institut sexuell missbraucht, sagte Laue. Sein Antrag, einen Ethikbeauftragten als Zeugen zu hören, wurde vom Gericht abgelehnt. Laue argumentierte, dieser habe sich "eingehend mit den sexuellen Grenzverletzungen des Angeklagten beschäftigt". Dies sei relevant für die Strafzumessung in diesem Prozess, auch wenn die meisten Fälle bereits verjährt seien.

Dem ist das Gericht nicht gefolgt. Der Charakter des Angeklagten sei durch Zeugenaussagen "ausreichend ermittelt". Aus der Vergangenheit ließen sich "keine Rückschlüsse ableiten" für die Schuld des Angeklagten in dem aktuellen Verfahren. Nach dem Rauswurf aus dem Institut war er noch jahrelang in eigener Praxis tätig. Doch dann sorgte seine Tochter dafür, dass ihm die Approbation entzogen wurde. Die Öffentlichkeit war in dem Prozess teilweise ausgeschlossen, auch während der Plädoyers.